Ich bin als Kind in den Sommerferien nie weggefahren. Meine Eltern hatten entweder kein Geld oder sie waren klug genug um sich diesen Stress nicht anzutun. Denn eigentlich brauchte ich auch kein fremdes Land, keine fremde Sprache oder mehr Sonne als ich in Deutschland hätte bekommen können. Ich weiß tatsächlich gar nicht was ich in den ersten zwei Sommerferien meines Lebens gemacht habe. Langweilig waren sie für mich jedenfalls nicht. Ich hatte jede Menge Freunde denen es genauso ging wie mir und so sind wir dann morgens aufgebrochen. In den Wald, auf die Straße oder bei schlechtem Wetter vor Fernseher und Konsole. Gelegentlich wurden auch diverse Schlachten mit meinen Wrestling-Action-Figuren ausgetragen. Hulk Hogan hatte am Ende seiner Laufbahn nur noch sieben Finger, einen festgeklebten und somit unflexiblen Kopf und diverse Beulen an Gesäß und Oberschenkel.
1994 dann, ich war am Ende des dritten Schuljahres wurde ich Zeuge meiner ersten bewussten Fußball WM. Ich war natürlich für Deutschland aber auch alle anderen Nationen konnten mich irgendwie überzeugen. Da waren die kleinen Asiaten aus Südkorea, die körperlich beängstigend starken Nigerianer oder flinken Rumänen. Es gab große Spieler wie Hristo Stoichkov, Gheorge Hagi und Nwanko Kanu und einfache Sympathieträger wie Kennet Anderson, Coby Jones und Alexis Lalas. Jedenfalls rettete mir die WM meine Ferien. Ich war nur damit beschäftigt Namen zu lernen, Positionen auswendig zu lernen und mir Nummern zu merken. Denn nach der WM würde eine neue Bundesligasaison beginnen. Auch hier wieder dasselbe Prozedere. Es wurden die Namen aller Spieler auswendig gelernt, Teams, Taktiken und Frisuren inklusive. Das Kicker-Sonderheft, jahrelang im Besitz meines Vaters und Bruders konnte nun mit hoher Wahrscheinlichkeit in meinem Zimmer gefunden werden.
Ein Freund und ich haben uns sogar als Trainer versucht. Wir stellten aus den Fußballern der ersten und zweiten Liga unser imaginäres Team zusammen und ließen die Geisterkicker ins Stadion einlaufen und Spiele gewinnen. Wir waren ein zwei Mann Trainer Team. Er war meist Jupp Heynckes und ich merkwürdigerweise immer Winnie Schäfer. Unser Stadion war eine große Wiese am Ende meiner Wohnsiedlung. An der Seite dieser Wiese ging es einen kleinen Hügel runter und unten stand dann eine Begrenzung aus Holz auf die wir uns setzen und dabei noch auf die Wiese sehen konnten. Christopher, so hieß mein Trainerkollege mit echtem Namen, und ich gerieten nur bei der Wahl des von uns zu betreuenden Teams in Schwierigkeiten. Er war Anhänger der Dortmunder Borussia und ich hielt schon immer zum 1. FC Köln. Da wir beide nicht für den anderen Verein die Geschicke führen wollten mussten wir uns einen neutralen Club suchen bei dem wir anheuern konnten. Es wurde immer Eintracht Frankfurt. Ich weiß auch nicht wieso aber aus irgendeinem Grund konnten wir uns mit dem Gedanken anfreunden, die Eintracht im Gedanken zu ihren größten Erfolgen zu führen. Denn zweifellos wurde der Club aus dem Riederwald nie wieder so oft Meister wie Mitte der Neunziger Jahre unter der Fittiche von Winnie Schäfer und Jupp Heynckes. Meist wurden wir in der ersten Saison nur fünfter, doch damit erreichten wir immerhin den Uefa Cup. Im nächsten Jahr griffen wir dann voll an und wurden Meister und Pokalsieger. Meistens mit nur zwei Niederlagen. Eine beim FC in Köln und eine gegen Borussia Dortmund.
Irgendwann begriffen Christopher und ich, dass wir zu groß und alt für solche Spiele sind und uns ging die Fantasie verloren. Eine leere von Menschen verlassene Wiese war eben genau das und kein Fußballstadion für 60.000 Menschen.
Eine andere Sache, die Christopher und ich gerne gemacht haben war das Tippen der Saison. Hierbei wurde manchmal mein Kinderzimmer zum Funkhaus des WDR und wir gaben dem anderen unsere Ergebnisse durch eine inszenierte von Toren nur so krachende Schlusskonferenz bekannt.
„Tor in Karlsruhe!!! Der KSC macht das alles entscheidende 3 zu 1 gegen den BVB. Die Dortmunder sind geknickt“
„Das darfst du nicht. Dann ist der BVB nicht mehr Erster!“
„Dann kannst du es ja am nächsten Spieltag ändern“
„Mach ich auch! Und dein FC verliert dann eben auch. Ist sowieso nicht realistisch das die immer gewinnen.“
Ich könnte jetzt sagen, dass auch das irgendwann aus der Mode gekommen ist. Christopher habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen und auch den Kicker muss ich mir nicht mehr kaufen aber getippt wird eben immer noch. Ein bisschen Kind wohnt noch in meinem Verstand und Herzen.
Und hier meine Abschlusstabelle der kommenden Saison:
1. FC Bayern München: Ungerades Jahr, die Bayern werden Meister. So ist das eben.
2. FC Schalke 04: Mal wieder zweiter und Meister der Herzen.
3. SV Werder Bremen: Ein letztes Aufbäumen der Ära Schaaf.
4. Borussia Dortmund: Die Mehrfachbelastung ist schuld.
5. Bayer 04 Leverkusen: Knatsch mit Ballack und ebenfalls die Mehrfachbelastung.
6. 1. FC Köln: Ja, ähm…das ist halt so…
7. VfB Stuttgart: Diesmal eine gute Hinrunde und dafür eine grottige Rückrunde.
8. VfL Wolsburg: Graues Mittelmaß für eine graue Stadt.
9. 1899 Hoffenheim: Tradition schießt eben keine Tore.
10. Hannover 96: Siehe Dortmund und Leverkusen.
11. Hertha BSC: Überraschungsaufsteiger.
12. Bor. Mönchengladbach: Diesmal eine frühe Rettung.
13. Mainz 05: Auch hier mal wieder die verdammte Mehrfachbelastung.
14. 1. FC Nürnberg: Ein glimpfliches Krisenjahr.
15. Hamburger SV: Die Negativüberraschung.
16. FC Augsburg: Der sympathische Underdog.
17. 1.FC Kaiserslautern: Der neue Fahrstuhlverein.
18. SC Freiburg: Für die Breisgauer kein Weltuntergang.