Kartenspiel

Posted in Uncategorized with tags , , , , , , , , , , , , , on Mai 1, 2013 by johnbete

„Hauptsache ´ne alte mit dicken Polstern“ Grüne Kacheln und ein eisiger Windhauch. Donnern. Einsteigen und stickige Wärme. Zurück in die Kleinstadt. Mit viel zu pinken T-Shirts und fiependen Ohren.  

Einige Stunden vorher hatte uns der Alltag noch in seinen Klauen. Doch als wir die kleine Halle betraten und uns in einem Raum mit hübschen kleinen Frauen und trendig aussehenden Typen wiederfanden ging es uns besser. Das war schon immer so. Dann warteten wir beiden käsig-weißen Jungs auf die Band. Andere tranken Bier, rauchten  Zigaretten oder erzählten sich von irgendwelchen lustigen Begebenheiten des letzten Wochenendes. Wir guckten auf die Uhr oder auf´s Handy und konnten es kaum erwarten. 

Das Licht geht aus, Applaus brandet auf und mischt sich mit euphorischem Geschrei. Lichter flackern, drei Gestalten steigen aus dem Dunkel auf die Bühne, greifen sich ihre Instrumente und legen los. Unsere Gliedmaßen saugen die Musik auf. Muskeln spannen und entspannen sich. Sprünge, gereckte Arme und Fäuste. Geöffnete Münder und unsicher, dennoch voller Stolz geschriene, gegrölte Textpassagen die ihren Weg in Soundmatsch finden. Danach Stille und die Blicke ins Flackern ob der Kumpel, der eben noch neben einem auf dem Hallenboden saß, die ersten drei Minuten dreißig ebenfalls gut überstanden hat. Kurzes Winken, kurzes Nicken und weiter geht es. Mit einem Lächeln im Gesicht und genug Endorphinen um die letzte Woche grauen Alltags zu vergessen und keine Angst vor der Woche zu haben die vor einem liegt. Nach neunzig Minuten war der Zauber dann meist vorbei und wir gingen zur Garderobe um uns nicht unsere besten Jacken über unseren verschwitzten Oberkörper zu ziehen.

Jede Generation hat wohl die Chance eine richtige Wahl zu treffen. Unsere war die des Soundtracks zu unserem Leben. Was mit einem kiffenden Alien bei Limp Bizkit merkwürdig begann wurde zu einer Belastungsprobe für unsere Ohren. Doch im Altenheim können wir später mal erzählen, dass wir wirklich bedeutende Künstler unserer Zeit bei der Arbeit beobachten konnten. Jack White und seine Schwester, fünf junge New Yorker Schnösel, und ein paar schüchterne Jungs aus England an deren Schlagzeug ein wildes Tier saß. Unsere Altersgenossen werden vielleicht erwidern, dass sie die alle nicht kennen. Doch das wird ein Triumph für uns sein. Musikfans sind anscheinend so. Und wir werden erwidern, dass es noch viel unbekanntere Bands gab, die teilweise sogar so nett waren einen mit Kitkat zu versorgen oder einem zum Feiern auf die Bühne holten. Und falls Opa Marc oder Oma Chantal dann wegnicken haben wir auch noch die großen Megaseller in unserer Erinnerungsbox. Green Day oder Die Ärzte, beide auf dem kommerziellen Höhepunkt ihrer Karriere. Strahlende Gesichter werden uns ansehen und sagen: „Ach ja, die, die kenne ich auch.“

Im Wirtschaftsdeutsch würde man sagen, wir beide haben einen Boom erlebt. Natürlich hat auch der eine Halbwertzeit. Unsere Hochzeit guter Musik hat circa fünf Jahre angehalten und mittlerweile hat Detroit seine Bedeutung für uns verloren und die neuen Hypes aus England… ach, lassen wir das. Halten wir uns stattdessen das Positive vor Augen: im Gegensatz zur Wirtschaftswelt sind unsere Fabriken sicher in uns verankert und können nicht nach China oder Venezuela verschifft werden. Und so können wir zum Leidwesen unserer Altersgenossen noch im Altenheim eine Runde „Setz dich nicht denn dein Stuhl ist weg“ spielen.

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I walk the line

Posted in Uncategorized with tags , , , , , , , , , , , on April 7, 2013 by johnbete

Als werdender Vater macht man sich ständig Gedanken über die Zukunft seines Kindes. Es stellen sich unendlich viele Fragen: Kann ich meinem Kind einen guten Zugang zu Musik, Film und Büchern vermitteln oder wird es ein 0815 Konsument? Bekommt der 1.FC Köln einen Kurvengänger mehr oder erspart sich mein Sprössling die jahrelangen Strapazen einer unglücklichen Fußballbeziehung? Wie soll ein Vegetarier-Ehepaar einem Kind den normalen Umgang mit Fleisch vermitteln? Ist der normale Umgang mit Fleisch eigentlich erstrebenswürdig? Ist es eine gute Idee ein Kind in die Welt zu setzen wenn ein schweinsnasiger Irrer in Nordkorea damit droht den Planeten Erde in eine radioaktive Wüste zu verwandeln und die Menschen in Deutschland ihre abgelegte Kleidung lieber in H&M Gutscheine eintauschen anstatt sie den Obdachlosen und Bedürftigen zu spenden (Ja, liebe Fashionistas, im Grunde seid ihr ganz findige Sparfüchse)? Doch mit nichts beschäftigen sich Future-Mom und Future-Dad so sehr wie mit dem Aussehen ihres zukünftigen Untermieters.

Allein deswegen verwandelt sich das gemeinsame Sichten alter Babyfotos seines eigenen kindlichen Ichs von einer langweiligen und klischeebeladenen Veranstaltung zu einem Blick in die vermeintliche Zukunft. Natürlich sieht man ständig irgendwo Babies aber es fällt einem doch schwer die Entwicklung nachzuvollziehen. Ich ertappe mich selbst andauernd dabei, dass ich mir nicht vorstellen kann wie ein Kind in 10 Jahren aussehen wird. Wenn man jedoch die Gelegenheit hat sein aktuelles Spiegelbild mit der Momentaufnahme seiner selbst im Kleinkindalter zu vergleichen wird man erstaunt sein, dass die große Nase, welche jetzt den Gesichtsmittelpunkt bildet, sich im Kindergesicht nicht finden lässt da sie viel kleiner gewesen ist. Andere Problemzonen wurden erfolgreich getilgt. Die gewaltigen Speckoberschenkel haben sich zum Beispiel in Luft –oder weniger Speck- aufgelöst. Wohingegen der Hang zum Bierbauch auch schon Stunden nach der Geburt zu erkennen war. Dank eines merkwürdigen Babykleidungsspleens meiner Eltern kann ich mir sogar ziemlich gut vorstellen wie ich als Mädchen ausgesehen hätte. Insgesamt war die Suche nach der Zukunft also spaßig und interessant aber wenig erfolgreich denn es scheint einfach Zufall zu sein. Mama plus Papa ergibt Baby. Aber wer wie viel Prozent des kindlichen Aussehens ausmacht scheint mit Fotoalbuminvestigation nicht zu  bestimmen zu sein.

Antworten auf andere Fragen kann man trotzdem bekommen. Ich zum Beispiel wurde schon auf dem Wickeltisch an laute Musik gewöhnt: Wie sollten sonst die Kopfhörer auf meinen winzigen Ohren verstanden werden? Außerdem scheint meinen Eltern oder Geschwistern die Sorge nach meinen kulturellen Interessen auch durch den Kopf gegangen zu sein. Jedenfalls war es ihnen einen neckischen Schnappschuss wert.  Tja, und meine anderen Unsicherheiten? Die wurden von zwei besonderen Fotos vom Tisch gefegt. Auf dem einen sieht man mich auf dem Schoß meiner Mutter sitzen. Meine Mutter schaut in die Kamera  und ihr Mund formt sich zu einem sanften Lächeln. Die große 80er Jahre Brille lässt die Augen meiner Mutter noch glänzender erscheinen als es die Zuversicht und die Liebe in ihrem Blick sowieso schon tut. Meiner Frau ist aufgefallen, dass meine Mutter auf diesem Bild keine einzige Falte auf der Stirn trägt, was eine Leistung ist, da meine Mutter zum Zeitpunkt der Aufnahme schon achtunddreißig war.  Kurzum, meine Mutter blickt einem als wunderschöne zuversichtliche Frau entgegen und es scheint keinerlei Sorge mehr in ihr verborgen zu sein. Außer ihrer ungesunden Hautfarbe (Sepiaorange) gibt es nichts Besorgniserregendes an ihr. Noch nicht einmal Augenringe als stumme Zeugen stressiger, von Babygeschrei durchzogene, Nächte.

Auf dem anderen Bild sieht man mich in den Armen meines Vaters. Sein Blick ist sehr wohl von Erschöpfung oder Alkohol  getrübt. Die Haltung seiner Arme und auch der Griff seiner Hände vermitteln mir so viel Sicherheit, dass ich auf seinem Oberkörper eine kleine Turneinlage zelebriere, die mein Gesicht auf die Höhe des seinigen hievt. Als Dank und Anerkennung bekomme ich einen dicken Schmatzer auf die babyweiche Wange. Mein Vater war kein Mann großer Emotionen so dass dieser Ausbruch väterlicher Freude einem kleinen Wunder gleichkommt. Zumal er es auch noch zuließ, dass er für die Ewigkeit festgehalten wurde.

Meine Geburt bedeutete für meine Familie, die eigentlich schon komplett war, Getuschel in der Nachbarschaft und ständige Hinweise, dass es bei Frauen in dem Alter meiner Mutter zu Komplikationen während der Schwangerschaft kommen kann. Sie bedeutete, dass die Zimmer im Haus meiner Eltern doch nicht für alle Kinder reichen würden. Auch meine Eltern mussten Angst haben, dass die Welt wie sie sie kannten morgen schon nicht mehr existieren würde, schließlich war der kalte Krieg noch in vollem Gange. Es schien ihnen jedoch nichts auszumachen. Sie schienen es sogar zu vergessen wenn sie mich auf dem Arm hielten. Sie schienen als wüssten sie, dass alles noch einmal gut gehen würde.

Beginn meiner Rede falls ich irgendwann einmal einen Preis gewinnen sollte: „ I want to thank Mum and Dad…“ 

Verdammt ! Das ist Retro.

Posted in Uncategorized on März 2, 2013 by johnbete

Zuletzt habe ich vor einem Jahr und sieben Monaten etwas geschrieben. Mir ist in der Zwischenzeit nichts eingefallen. Früher hätte mir dieses Gefühl schlaflose Nächte bereitet. Schlaflos weil ich gedacht hätte, dass es doch irgendetwas geben muss, dass mein Hirn gerade beschäftigt. Auf Grund dieser Annahme hätte ich danach gesucht. Diesem einen Thema, mit dem ich meine DIN A 4 Zettel hätte füllen können. Tja, und wann hat man Zeit sein Gehirn nach solch verborgenen Schätzen zu durchsuchen? Eben, nachts. Früher wäre mir dann irgendwann gegen drei Uhr eingefallen, dass jene neue Platte wirklich so gut ist, dass es sich alleine dafür zu leben lohnt oder dass es eine neue TV-Show gibt, die einen dazu bringt, sich den schnellen Tod zu wünschen.

Plötzlich waren mir aber all diese Dinge nicht mehr so wirklich wichtig. Aus einem einfachen Grund: Ich habe mich damals dazu entschlossen meine Freundin heiraten zu wollen. Und dieser Gedanke hat so viel Ruhe über mich gebracht, dass ich zum ersten Mal seit meiner Kindheit wieder wirklich gut und intensiv geschlafen habe. Ich hatte schlicht keine Zeit mehr nach Themen zu suchen weil ich geschlummert habe wie ein Baby. Vorgestern hatte ich dann zu meinem Leidwesen (oder zu meinem Glück) so viel Schleim im Hals, dass an Schlafen, oder Atmen, nicht zu denken war. Deswegen gibt es jetzt eine kleine Retrospektive. Oder wie es zu Beginn einer neuen Staffel Dexter heißen würde:

„ Was geschah in der letzten Staffel?“

 

Ich habe mich dazu entschlossen meine Freundin heiraten zu wollen, ich habe um Oasis getrauert, ich habe entdeckt, dass das Leben im Sommer lebenswerter ist als im Winter, ich habe vor einem Fußballspiel des 1. FC Köln bei Bayer Leverkusen den lieben Gott darum gebeten einmal die gute Seite gewinnen zu lassen, der FC gewann 4:1 und ich dachte, dass der liebe Gott mich mag, ich bin laufen gegangen, erst vier, dann fünf, später acht und irgendwann sogar einmal zehn Kilometer, ich habe meine Ernährung umgestellt und zehn Kilogramm abgenommen, ich habe zu Pumped Up Kicks gechillt,  ich habe Stale Solbakken nach dem Laufen gesehen und ihm einen hochgereckten Daumen geschenkt, vielleicht habe ich sogar so etwas wie: „ Good job“ gerufen, er hat gelächelt und ebenfalls den Daumen gen Himmel gerichtet, ich habe gedacht mit Stale Solbakken kommt der FC in den europäischen Fußball, ich habe ein Rewe Stickeralbum über die Tiere dieser Erde gesammelt, ich habe mir wegen einer Empfehlung eines Bekannten das neue Foo Fighters Album gekauft und war genauso enttäuscht wie bei den Alben vorher, ich habe beim Minigolf gegen meine Freundin gewonnen, ich habe meinen Vater im Krankenhaus besucht und fand es ganz lustig, dass ausgerechnet er so starke Medikamente bekam, dass er halluzinierte ich habe im Winter aufgehört zu laufen, ich habe im Winter aufgehört auf meine Ernährung zu achten, ich war in Berlin und war einmal mehr begeistert, ich habe unsere Verlobungsringe gekauft und zuerst die Mütze, dann den Schal, danach die Jacke und zum Schluss mein Hemd ausziehen müssen weil es mir aus unerklärlichen Gründen immer wärmer wurde, ich habe geplant einen Blog über die Hochzeitsvorbereitungen zu schreiben, ich habe in der Winterpause davon geträumt mit dem FC nach Italien, Spanien oder Portugal zu fahren, auf keinen Fall sollte es in die Ukraine oder nach Russland gehen, Irland oder England wäre auch schön, ich habe meinen besten Freunden davon erzählt, dass ich meiner Freundin einen Antrag machen möchte, ich habe Ihrer besten Freundin auch davon erzählt, ich habe es eigentlich fast allen erzählt, trotzdem war meine Freundin überrascht und dem Kreislaufkollaps nahe als es soweit war, aber sie hat „Ja“ gesagt, wir waren verlobt, ihr Bruder plötzlich auch, mein Vater ist gestorben als ich im Urlaub und gerade drei Tage verlobt war, ich habe meine Schwester angerufen und wir haben beide Nachts am Telefon geweint, ich habe meinen Vater beerdigt und musste mir dafür einen Attest vom Arzt holen weil meine Chefin eine herzlose Idiotin war, ich habe beschlossen zu kündigen, ich habe mich gemeinsam mit meinen Geschwistern dazu entschlossen, unser Elternhaus zu verkaufen, ich habe unsere Hochzeit geplant, ich war erstaunt darüber, wie teuer Hochzeiten sind, ich habe Cro entdeckt und fand Easy gar nicht so schlecht, ich habe Kraftklub entdeckt und fand sie berauschend gut,  ich habe gemerkt, dass es mit dem FC bergab geht, ich habe mich zum ersten Mal tätowieren lassen, ich habe Stale Solbakken nach einem befreienden Sieg gegen Berlin aus der Kurve zugejubelt, ich bin mit dem FC abgestiegen und war mir bewusst, dass ich einem Scharlatan erlegen war, wir haben an einem regnerischen Tag in einem Kleinstadtindustriegebiet unsere Traumlocation für die Hochzeitsfeier buchen können, wir haben Gäste ausgeladen bevor wir sie eingeladen haben, ich hatte heimliche Vorstellungsgespräche, ich habe das Finale Dahoam geguckt und mich diebisch gefreut als Chelsea den Sieg in der Tasche hatte, , ich war an meinem Junggesellenabschied in einer eiskalten, dunklen, Schrebergartenhütte, der sturzbetrunkene vom Regen durchnässte Pokergewinner, ich habe meiner Chefin gesagt, dass ich kündige weil ich etwas Besseres gefunden habe, ich habe zuerst Cros Easy verflucht und dann I follow Rivers gut gefunden, ich habe mir ein Smartphone gekauft und war erstaunt wie fest der Griff der Technologie sein kann, wir haben standesamtlich geheiratet und ich habe bemerkt, dass meine Eltern leider verhindert sein, wir sind in den Sommerurlaub mit Freunden gefahren, wir hatten einen Autounfall bei dem uns nichts passiert ist, wir sind aus einem Flugzeug gesprungen und haben uns dabei filmen und fotografieren lassen, ich habe die Arctic Monkeys bei den olympischen Spielen verpasst,  ich habe I follow Rivers aus meinem Gedächtnis streichen wollen, die Begeisterung über Pumped up kicks blieb, komisch, ich habe kein Fleisch gegessen, soweit ich weiß, ich habe bei der Messvorbereitung für die Hochzeit gemerkt, dass ich doch ganz bibelfest bin, ich hatte Spaß dabei den Ernstfall zu proben, wir haben geheiratet, es war wunderschön, es sind Tränen geflossen, nicht bei mir aber bei einigen anderen, ich habe die Ruhe nach dem Sturm genossen, ich habe erkannt, dass mir Indiemusik zu oberflächlich ist und bin zum Rap und HipHop umgesiedelt, ich habe Angst gehabt, dass der FC in die dritte Liga durchgereicht wird, wir haben herausgefunden, dass wir Eltern werden, ich habe K.I.Z. gegen Kraftklub angefeuert, ich habe den Schnee wegschmelzen wollen, ich war in London und war enttäuscht, ich habe zum ersten Mal einen Ultraschallherzschlag gesehen, ich habe gemerkt wie anstrengend Familienweihnachtsfeiern sein können, ich habe gemerkt wie herzlich Familienweihnachtsfeiern sein können,  ich habe Freunden geholfen, ich habe Freunde vergessen, ich habe davon geträumt, dass mein Vater sich chic macht um meine Mutter zu  treffen, ich habe mich zum zweiten Mal tätowieren lassen, ich habe das dritte Tattoo bereits geplant, ich habe zum ersten Mal ein Zeichen meines ungeborenen Kindes bekommen. 

Sommerpause

Posted in 1.FC Köln, 1899 Hoffenheim, Bayern München, Borussia Dortmund, Bundesliga, Fußball, Fußball WM, Fußballweltmeisterschaft, Schalke 04 on Juli 29, 2011 by johnbete

Ich bin als Kind in den Sommerferien nie weggefahren. Meine Eltern hatten entweder kein Geld oder sie waren klug genug um sich diesen Stress nicht anzutun. Denn eigentlich brauchte ich auch kein fremdes Land, keine fremde Sprache oder mehr Sonne als ich in Deutschland hätte bekommen können. Ich weiß tatsächlich gar nicht was ich in den ersten zwei Sommerferien meines Lebens gemacht habe. Langweilig waren sie für mich jedenfalls nicht. Ich hatte jede Menge Freunde denen es genauso ging wie mir und so sind wir dann morgens aufgebrochen. In den Wald, auf die Straße oder bei schlechtem Wetter vor Fernseher und Konsole. Gelegentlich wurden auch diverse Schlachten mit meinen Wrestling-Action-Figuren ausgetragen. Hulk Hogan hatte am Ende seiner Laufbahn nur noch sieben Finger, einen festgeklebten und somit unflexiblen Kopf und diverse Beulen an Gesäß und Oberschenkel.

1994 dann, ich war am Ende des dritten Schuljahres wurde ich Zeuge meiner ersten bewussten Fußball WM. Ich war natürlich für Deutschland aber auch alle anderen Nationen konnten mich irgendwie überzeugen. Da waren die kleinen Asiaten aus Südkorea, die körperlich beängstigend starken Nigerianer oder flinken Rumänen. Es gab große Spieler wie Hristo Stoichkov, Gheorge Hagi und Nwanko Kanu und einfache Sympathieträger wie Kennet Anderson, Coby Jones und Alexis Lalas. Jedenfalls rettete mir die WM meine Ferien. Ich war nur damit beschäftigt Namen zu lernen, Positionen auswendig zu lernen und mir Nummern zu merken. Denn nach der WM würde eine neue Bundesligasaison beginnen. Auch hier wieder dasselbe Prozedere. Es wurden die Namen aller Spieler auswendig gelernt, Teams, Taktiken und Frisuren inklusive. Das Kicker-Sonderheft, jahrelang im Besitz meines Vaters und Bruders konnte nun mit hoher Wahrscheinlichkeit in meinem Zimmer gefunden werden.

Ein Freund und ich haben uns sogar  als Trainer versucht. Wir stellten aus den Fußballern der ersten und zweiten Liga unser imaginäres Team zusammen und ließen die Geisterkicker ins Stadion einlaufen und Spiele gewinnen. Wir waren ein zwei Mann Trainer Team. Er war meist Jupp Heynckes und ich merkwürdigerweise immer Winnie Schäfer. Unser Stadion war eine große Wiese am Ende meiner Wohnsiedlung. An der Seite dieser Wiese ging es einen kleinen Hügel runter und unten stand dann eine Begrenzung aus Holz auf die wir uns setzen und dabei noch auf die Wiese sehen konnten. Christopher, so hieß mein Trainerkollege mit echtem Namen, und ich gerieten nur bei der Wahl des von uns zu betreuenden Teams in Schwierigkeiten. Er war Anhänger der Dortmunder Borussia und ich hielt schon immer zum 1. FC Köln. Da wir beide nicht für den anderen Verein die Geschicke führen wollten mussten wir uns einen neutralen Club suchen bei dem wir anheuern konnten. Es wurde immer Eintracht Frankfurt. Ich weiß auch nicht wieso aber aus irgendeinem Grund konnten wir uns mit dem Gedanken anfreunden, die Eintracht im Gedanken zu ihren größten Erfolgen zu führen. Denn zweifellos wurde der Club aus dem Riederwald nie wieder so oft Meister wie Mitte der Neunziger Jahre unter der Fittiche von Winnie Schäfer und Jupp Heynckes. Meist wurden wir in der ersten Saison nur fünfter, doch damit erreichten wir immerhin den Uefa Cup. Im nächsten Jahr griffen wir dann voll an und wurden Meister und Pokalsieger. Meistens mit nur zwei Niederlagen. Eine beim FC in Köln und eine gegen Borussia Dortmund.

Irgendwann begriffen Christopher und ich, dass wir zu groß und alt für solche Spiele sind und uns ging die Fantasie verloren. Eine leere von Menschen verlassene Wiese war eben genau das und kein Fußballstadion für 60.000 Menschen.

Eine andere Sache, die Christopher und ich gerne gemacht haben war das Tippen der Saison. Hierbei wurde manchmal mein Kinderzimmer zum Funkhaus des WDR und wir gaben dem anderen unsere Ergebnisse durch eine inszenierte von Toren nur so krachende Schlusskonferenz bekannt.

„Tor in Karlsruhe!!! Der KSC macht das alles entscheidende 3 zu 1 gegen den BVB. Die Dortmunder sind geknickt“

„Das darfst du nicht. Dann ist der BVB nicht mehr Erster!“

„Dann kannst du es ja am nächsten Spieltag ändern“

„Mach ich auch! Und dein FC verliert dann eben auch. Ist sowieso nicht realistisch das die immer gewinnen.“

Ich könnte jetzt sagen, dass auch das irgendwann aus der Mode gekommen ist. Christopher habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen und auch den Kicker muss ich mir nicht mehr kaufen aber getippt wird eben immer noch. Ein bisschen Kind wohnt noch in meinem Verstand und Herzen.

Und hier meine Abschlusstabelle der kommenden Saison:

1. FC Bayern München: Ungerades Jahr, die Bayern werden Meister. So ist das eben.

2. FC Schalke 04: Mal wieder zweiter und Meister der Herzen.

3. SV Werder Bremen: Ein letztes Aufbäumen der Ära Schaaf.

4. Borussia Dortmund: Die Mehrfachbelastung ist schuld.

5. Bayer 04 Leverkusen: Knatsch mit Ballack und ebenfalls die Mehrfachbelastung.

6. 1. FC Köln: Ja, ähm…das ist halt so…

7. VfB Stuttgart: Diesmal eine gute Hinrunde und dafür eine grottige Rückrunde.

8. VfL Wolsburg: Graues Mittelmaß für eine graue Stadt.

9. 1899 Hoffenheim: Tradition schießt eben keine Tore.

10. Hannover 96: Siehe Dortmund und Leverkusen.

11. Hertha BSC: Überraschungsaufsteiger.

12. Bor. Mönchengladbach: Diesmal eine frühe Rettung.

13. Mainz 05: Auch hier mal wieder die verdammte Mehrfachbelastung.

14. 1. FC Nürnberg: Ein glimpfliches Krisenjahr.

15. Hamburger SV: Die Negativüberraschung.

16. FC Augsburg: Der sympathische Underdog.

17. 1.FC Kaiserslautern: Der neue Fahrstuhlverein.

18. SC Freiburg: Für die Breisgauer kein Weltuntergang.

Guido und ich

Posted in Außenpolitik, Aussenminister, Bruttoinlandsprodukt, CDU, CSU, Die Grünen, FDP, Guido Westerwelle, Menschen, Soziale Gerechtigkeit, SPD on Juni 13, 2011 by johnbete

Als Kind war es für mich immer schwer vorstellbar, dass Menschen aus dem Fernsehen und ich dieselbe Luft atmen. Diese Verwunderung ist so tief in mir verankert, dass ich heute teilweise immer noch ungläubig dahin starre wenn ich jemandem begegne der einen RTL-2 Bekanntheitsgrad hat. Was in Köln natürlich in regelmäßigen Abständen passiert. Bekannte Menschen, die mir im letzten Jahr beim Bummeln durch die Stadt begegnet sind: diverse FC-Profis (Matuschyk, Lanig, Sanou), Dirk Bach, Hella von Sinnen, Christoph Maria Herbst und Michael Kessler. Jedes Mal bin ich an ihnen vorbeigegangen und habe meinen Kopf nach ihnen umgedreht. Immer schön unauffällig. Bis jetzt bin ich damit durchgekommen doch seit Samstag gibt es ein, zumindest für mich aufwühlendes Erlebnis.

Reichen Menschen dabei zuzusehen wie sie shoppen ist interessant. Zuerst ist man vielleicht ein wenig neidisch auf die Möglichkeiten, die einem das viele Geld zu ermöglichen scheint. Doch dann merkt man schnell, dass finanziell gut gestellte Menschen oft auch einfach von allem zuviel haben. Teure Klamotten wollen getragen werden und werden deshalb bei jeder Gelegenheit an die Öffentlichkeit gezerrt. Man sollte nicht meinen wie viele teure um die Schultern gebundene Golfpullover man an einem sonnigen Samstagvormittag in der Kölner Fußgängerzone rund um den Rudolfplatz sehen kann. Teure Schminke will aufgetragen werden und wird deshalb Schichtweise aufgetragen. Understatement ist hier wirklich noch ein Fremdwort was oft  zu obskuren Farbspielen im Gesicht der oberen 1000 Frauen in dieser Stadt führt. Da wird pinker Lippenstift und smaragdgrüner Lidschatten kombiniert während Rouge und Make-Up um die Vorherrschaft im Gesamtbild kämpfen. Nicht zu vergessen ist teures Parfum, welches anscheinend nie in Maßen aufgelegt werden kann sondern immer wie eine beschützende Wolke um sein Herrchen oder Frauchen herumschwirren muss und allen Menschen in fünf Metern Entfernung sagen muss, welchen sozialen Status man inne hat. Allerdings muss ich zur Ehrenrettung der oben erwähnten Prominenten sagen, sind es nie bekannte Menschen die sich so produzieren müssen sondern immer diejenigen Besserbetuchten von denen man es nur erahnen aber nicht wissen kann. Die eben unbekannt aber gut verdienend sind. Menschen die in der Öffentlichkeit stehen wissen scheinbar nur zu gut, dass es unvorteilhaft ist auszusehen als wäre man von der dreijährigen Tochter angezogen und geschminkt worden. Aus diesem Grund fiel er mir auch  so auf als ich in das Schaufenster eines Cafés guckte.

Er beugte sich dort über seine Tasse wie ein Obdachloser sich Ende Dezember über sein wärmendes Feuer beugt. Er schien etwas in seinem Latte Macchiato zu suchen. Eine Antwort, vielleicht eine Erkenntnis. Er blickte auf und schaute aus dem Fenster. Wieder mit diesem fragenden Blick. Ein wenig Ratlosigkeit und Sorge mischt sich in meiner Erinnerung in seinen Augen. Dachte er über die Atomkatastrophe in Japan nach, die Hasen ohne Ohren auf die Welt kommen lässt? Oder den neuesten Entwicklungen in Syrien wo jeden Tag aufs Neue Menschen im Kampf um die Freiheit sterben? Zweifellos musste es um solch tiefgründige Dinge gehen. Es konnte ja schließlich nicht sein, dass er gedankenverloren überlegte, was er heute Abend kochen sollte oder ob seine Schwiegermutter dieses Mal mit seinem Geschenk zum Geburtstag zufrieden wäre. Hier war die große Politik zu Gast und suchte sich ihren Weg in den Alltag. Unsere Blicke trafen sich und für eine Sekunde tröpfelten der ganze Weltschmerz und die ganze ungewisse Zukunftsvision des Dr. Guido Westerwelle (man sollte Politiker mit Doktortitel solange bei ihrem Titel nennen wie es geht) in meinen Verstand und es wurde ein Augenblick der einer Katharsis gleichkommt. Guido und ich waren eins. Nach diesem Bruchteil bemerkte ich, dass er seinen Blick wieder seinem Gesprächspartner zuwandte und mich links liegen ließ. Hatte ich mich in etwas reingesteigert und war ich zu weit gegangen und gleichzeitig zu schüchtern geblieben?

Ich ging mir ein Eis holen und als ich noch einmal zurückkam um  zu gucken ob Guido, denn von nun an durfte ich ihn so nennen, noch da war, wurde ich Zeuge unmenschlicher Leere. Guidos Platz war verwaist. Auch sein Partner war weg. Es gab keine Zweifel. Westerwelle war gegangen ohne Tschö zu sagen. Er ließ mich zurück. Im Gedanken alleine mit meiner Erdbeereistüte mit Sahne.

Des Fußballs hässliche Fratze

Posted in 1.FC Köln, 1899 Hoffenheim, Bundesliga, Dietmar Hopp, Fußball, Homophobie, Homosexualität, Rassismus, Sinsheim, TSG Hoffenheim on Februar 20, 2011 by johnbete

Seit nunmehr vier Spielzeiten tummelt sich die TSG Hoffenheim im deutschen Profifußball. Steter Begleiter des Vereins aus dem Südwesten Deutschlands ist der 1.FC Köln. Beide Vereine sind im gleichen Jahr in die erste Bundesliga aufgestiegen und halten seitdem die höchste Spielklasse Deutschlands. Man könnte also sagen, dass der FC der älteste Rivale der Mannschaft aus dem Kraichgau ist. Und wie es sich für alte Rivalen gehört ist die Feindschaft besonders groß. Allerdings schießen manches Mal die Gemüter über den guten Geschmack hinaus und weil es letztendlich doch nur Sport ist muss man dann später Fehler eingestehen. So ist das bis jetzt nach jedem Spiel gegen die TSG in Köln passiert. Die FC-Fans sind besonders kritisch gegenüber dem Erfolg des von Dietmar Hopp finanzierten Retortenklubs und beschimpfen den Mäzen deshalb immer auf die übelste Art und Weise. Hopp findet das immer ganz schlimm und macht dies auch öffentlich woraufhin die FC-Verantwortlichen sich öffentlichkeitswirksam für ihre unartigen Kinder, so macht es den Eindruck, entschuldigen müssen. Bisher ist es jedes Mal so gelaufen.

Gestern war es dann wieder so weit. Hoffenheim empfing den Ersten Fußball Club Köln im Dietmar Hopp Stadion in Sinsheim. Natürlich gab es auch diesmal wieder Hohngesänge. Zuerst skandierten circa 3000 mitgereiste Kölner, dass sie Hoffenheim hassten und dann wurde Dietmar Hopp als Sohn einer Hure beschimpft. Das eine, könnten jetzt penible Menschen äußern, ist ja lediglich nur eine Feststellung des persönlichen Geschmacks und das andere eine böswillige Behauptung, die man doch bestimmt ohne Probleme widerlegen könnte.

Allerdings ist es so, dass zumindest die Spekulation über Frau Hopp Sen. Arbeitsplatz deutlich über das Ziel hinausschießt. Zumindest wenn man es aus Hoffenheimer Sicht sieht. Das Blöde bis gestern war, dass Herr Hopp sich immer selbst verteidigen musste, da die Anhänger seines Vereins nie in der Lage waren, das zu tun. Denn so läuft es normalerweise in einem Fußballstadion ab. Kurve Köln beleidigt Spieler XY der gegnerischen Mannschaft und Kurve XY skandiert daraufhin fiese Sachen über Podolski oder Köln.

Wie gesagt, gestern schafften das die Hoffenheim-Tifosi zum ersten Mal. Und sie zeigten dabei ihr hässlichstes Gesicht. Zuerst beschimpften sie die Heimatstadt des gegnerischen Anhangs als „Hauptstadt der Schwulen“ Natürlich wäre es nicht weiter schlimm als Hauptstadt der Homosexuellen zu gelten. So fern dies in einer politischen Talkshow geäußert werden würde. Aber wir sind hier nicht bei Maybritt Illner sondern ein einem Fußballstadion und in diesem Zusammenhang bedeutet dieser Satz folgendes: Wir mögen keine homosexuellen Menschen und ihr kommt aus einer Stadt, die dafür bekannt ist homosexuelle Paare zu tolerieren und sogar willkommen zu heißen. Deswegen mögen wir euch nicht. Ihr seid vielleicht sogar selbst „schwul“ und deswegen mögen wir euch auch nicht.“  Wie sich anwesende Homosexuelle in dieser Situation fühlen müssen kann ich nur erahnen. Um es ganz deutlich zu sagen: Hier wurde eine Minderheit in Deutschland ausgegrenzt und diffamiert. Was ärgerlich und von Hoffenheimer Seite zu entschuldigen wäre.

Nach dem verbalen Angriff auf Homosexuelle wurden die Kölner später im Spielverlauf auf folgende Art und Weise angegriffen: „Hört ihr das Gestöhne, hört ihr das Gestöhne, dass sind die Kölner Hurensöhne“ 3000 Menschen und ihre Familien einfach so in den Dreck gezogen und aufs übelste verunglimpft. Dazu noch im selben Tonfall wie es sonst Dietmar Hopp widerfährt. Das musste doch den Mäzen selbst auch erzürnen. So etwas könnte er doch nicht durchgehen lassen. Ich war mir nicht sicher ob Herr Hopp im Stadion war und es dort hörte oder ob er wie ich am TV-Gerät saß und es dort miterleben musste wie seine geliebten Supporter zur hässlichen Fratze Deutschlands wurden. Ein diskriminierender, schimpfender und aggressiver Haufen Menschen, die vor keiner verbalen Entgleisung halt machen. Als die 90 Minuten vorbei waren und sich beide Mannschaften nach einem relativ unspektakulären Spiel 1:1 trennten, war ich mir sicher, dass Herr Hopp vor die Kameras treten würde und die eigenen Fans auf das schärfste verurteilen und sich davon distanzieren würde, wie er es sonst immer von seinen Kölner Kollegen gefordert hat. Es kam aber nichts. Kein Wort des Bedauerns oder der Entschuldigung. Gab es keine Mikros? Keine Kameras? Ja, noch nicht mal einen Block in den man die Sätze hätte diktieren können? War Hoffenheim abgeschnitten vom Rest der Welt? Möglich wäre es, aber wahrscheinlicher ist es, dass Herr Hopp es nicht registriert hat, dass zuerst eine Minderheit in seinem Stadion diskriminiert worden ist und danach noch 3000 Menschen in ihrer Familienehre beleidigt worden sind. Oder wollte er es nicht hören?  Jemand untergebenes wird ihn doch aber darauf hingewiesen haben, was dort gerade in dem Stadion, dass seinen Namen trägt geschehen war.

Herr Hopp, es ist schade. Sie hätten gestern beweisen können, dass sie wirklich ein großartiger Mensch sind, der auch in der Lage ist für den Mist, den die Seinigen verzapfen gerade zu stehen. Ich bin angeekelt vom Anhang ihres Vereins und persönlich zutiefst enttäuscht von Ihnen.

 

Copy and Paste Rob Fleming

Posted in 1.FC Köln, About A Boy, CDU, CSU, Fußball, High Fidelity, Leben, Lena, Musik, Nick Hornby, Nora Tschirner, Plagiat, Popmusik, The White Stripes, zu Guttenberg on Februar 13, 2011 by johnbete

„Ich glaube, High Fidelity und Nick Hornby waren damals schuld, dass ich dich weniger mochte und nicht mit dir zusammen sein wollte.“

„Aha“

„Ja, ich hatte das Gefühl, dass du diesen Typen aus dem Buch kopierst und ich fand das ganz traurig und schlimm“

Im weiteren Gesprächsverlauf fühlte ich mich gezwungen zu sagen, dass das alles gar nicht wahr ist und ich Rob ( Ich bin mir gerade wirklich nicht sicher ob er so heißt) nie im Leben kopieren wollte. Doch nach längerem Überlegen hier die Fakten: Rob macht ständig Top Five- Listen. Ich auch. Was aber auch daran liegen könnte, dass ich ein männliches Wesen bin. Mein ganzer Freundeskreis war und ist voll mit Männern und ehemaligen Jungs, die sich ihr Leben in Listen einteilen. Die wenigsten davon haben High Fidelity gelesen, bei manchen hege ich ernsthafte Zweifel daran, dass sie überhaupt mal ein Buch gelesen haben, und trotzdem erstellen wir Listen über die grausamsten FC-Transferflops der Neuzeit (1. Manaseh Ishiaku 2. Marco Reich 3. Ivan Vukomanovic 4. Jörg Reeb 5.Darko Pivaljevic), die besten Alben der 00er Jahre (1. The White Stripes „Elephant” 2. Black Rebel Motorcycle Club „Howl” 3. Babyshambles “Down in Albion” 4. Johnny Cash “The man comes around” 5. The Strokes “This is it”) und die schärfsten Schauspielerinnen in Sitcoms (1. Leah Remini 2. Mila Kunis 3. Jennifer Aniston 4. Die Blonde aus Scrubs 5. Laura Prepon) Bin ich also schon überführt weil ich Listen erstelle? Wohl kaum. Also vergleichen wir mal weiter. Rob hat schon einen Plattenladen und ich hatte lange Zeit zum Ziel später selbst mal einen zu besitzen. Ehrlich gesagt, finde ich die Vorstellung immer noch ganz cool einen eigenen Plattenladen zu besitzen. Weil Musik eine starke Konstante in meinem Leben ist und ich es liebe neue Platten zu hören. Allerdings macht die Zeit einen Menschen auch reifer und ich weiß jetzt, dass da ein ziemlich großes Risiko dran hängen würde einen eigenen Laden zu führen. Dennoch würde ich das nicht als Versuch werten den Typen aus dem Buch zu kopieren. Ich meine, wer von uns träumt denn nicht davon, dass zum Beruf zu machen einem wirklich Spaß macht? Ich glaube, wenn wir alle freie Wahl hätten womit wir unseren Lebensunterhalt bestreiten wollen würden, wären die Straßen voller Fußballer, Fernsehstars, Sänger und eben auch ein Plattenhändler. Jedenfalls wären wir alle glücklicher. Auch hier sind Plagiatsvorwürfe also nicht gerechtfertigt.

Der letzte Punkt der mir noch einfällt (Seht ihr, es sind nur drei Punkte. Würde ich in dem Buch leben, hätte ich hier eine Top Five Liste der Ähnlichkeiten zwischen mir und Rob angefertigt) Rob und ich kann man wohl als Beziehungskatastrophen bezeichnen. Wobei es meine Meinung ist, dass man selbst immer nur so schlimm in einer Beziehung ist wie es das Gegenstück in der Beziehung zulässt. Menschen die wirklich zusammen passen, brauchen keinen Streit oder irgendwelche blöden Spielchen. Zudem muss ich sagen, dass es geradezu normal ist ein Beziehungscrasher zu sein, da es den Wenigsten von uns gelingt sofort mit seiner Sandkastenliebe glücklich zu werden. Die meisten modernen Menschen probieren sich eben aus. Was so gut wie alle Menschen unter 30 zu Terroristen in Sachen Liebe macht.

Tadaaa. Ich bin nicht Rob aus High Fidelity. Doch warum war mir das so wichtig zu beweisen? Schließlich ist es auch total normal andere Menschen zu kopieren um sich deren Anhängerschar anzuschließen. Von selbst wäre ich zum Beispiel nie darauf gekommen, mir Röhren anzuziehen. Da brauchte es schon die Arctic Monkeys für. In viel zu engen Hosen rum zu laufen war eine zeitlang eine gute Methode um sich der Indie-Armee anzuschließen und in bestimmten Clubs schöne Mädchen kennen zu lernen. Und wenn man die sogenannten Stars im Fernsehen sieht, bekommt man auch ziemlich schnell heraus wen diese Menschen kopieren. Lena kopiert Nora Tschirner und Kate Nash. Zu Guttenberg macht Lothar Matthäus nach und Borussia Mönchengladbach versucht eine Profifußballmannschaft zu sein. Mal hat man viel Erfolg (Lena) und mal keinen (BMG) Doch alle versuchen es abzustreiten, dass sie irgendwen als Idol haben. Ich habe letztens in einer Buchhandlung in einem Lena Fanbuch gelesen. Sie selbst musste da einen Fragebogen ausfüllen und auch ihre musikalischen Einflüsse angeben. Kate Nash kam nicht drin vor, was für jeden der beide kennt zu großer Irritation führen dürfte.

Worauf ich aber eigentlich hinaus möchte ist, dass wir alle im Grund genommen Herdentiere sind. Selbst die von uns die nicht dazu gehören wollen und allem entsagen sind heutzutage mit ihrer Meinung nicht mehr alleine und werden ruck-zuck zum Trend gemacht. Allerdings würde ich es nicht Imitation nennen. Es ist in meinen Augen lediglich die Suche nach den eigenen Wurzeln und vielleicht auch nach einer Nische die einem gefällt und in der man es sich bequem machen kann.

Man könnte über dieses Thema endlos berichten, streiten und Vergleiche anstellen, ja sogar Bücher schreiben. Doch das haben andere Menschen schon getan und will nicht der Versuchung erliegen einfach etwas zu kopieren. Deshalb schließe ich hier auf halber Strecke.

Was mich vielleicht noch ein Stück näher zu Rob Fleming (doch, so heißt er) bringt. Denn seine Freundin verlässt ihn unter anderem auch, weil er nie etwas zu Ende führen konnte.